Bettlektüre




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Warum starb Alvarez?

Ein Kriminalroman von Ralf G. Knuth

240 Seiten, Paperback

7,99 *

ISBN 978-3-00-022005-0

Artonio Edition Postfach 502 13515 Berlin



*zuzügl. € 2.- Versandkosten


Leseprobe

(für die Nutzung des Textes ist eine schriftliche Einwilligung des Autors erforderlich)



Cool bleiben


Wieso war ich nur so blöd gewesen und hatte Olga diesen Gefallen getan? Jetzt saß ich, wenn mir nicht ein Geitesblitz kam, vollkommen im Dreck. Hatte mich Olga vielleicht ganz bewußt in die Falle tapsen lassen? - Nein, dieser Gedanke war absurd. Andererseits war sie Mittags sofort auf mich zugekommen und hatte mir den Karton mit dem Tonband in die Hand gedrückt.

»Rickilein, dieses Band muß jemand zu Alvarez ins Stadtstudio bringen und du wärest ein Engel, wenn du das für mich machen würdest.«

Dabei setzte sie ein Lächeln auf, vermied es aber mich direkt anzusehen. Ich spielte nicht gern den Laufburschen, doch statt zu meckern, nahm ich wortlos den Karton. Olga war mein Boß und hatte mir in der letzten Zeit viele Gefallen getan.


Den Karton mit dem Band hatte ich kurz darauf in mein Auto gefeuert. Warum glaubte ich immer ich müßte mich freundlich und dankbar zeigen? Meine Kollegen waren es doch auch nicht. Wenn Olga diese um eine Gefälligkeit bat, hatten die stets perfekte Ausreden auf Lager. Lügen, die Olga jedoch stets akzeptierte. Machte ich mal den kläglichen Versuch zu widersprechen, fand sie sofort Argumente, die mich blaß aussehen ließen. Ich war gerade siebzehn Jahre alt, schwarz, schwul und ohne Schulabschluss. Aber ich hatte eine Wohnung, einen Job als Radiodiscjockey und seit sogar ein Auto. Das verdankte ich Olga. Oder vielmehr dem Besitzer der Rundfunkstation, doch dieser lag jetzt vor meinen Füßen in einer kleinen Blutlache.

Ich hatte den Nachmittag allein, faul in der Sonne liegend verbracht. Erst am Abend fiel mir das Band wieder ein und ich war mit meinem Wagen die 16 Kilometer nach Cuevas del Almanzora gefahren, wo sich das »Stadtstudio« befand. Diese Bezeichnung war irreführend, denn das kleine weiße Gebäude lag außerhalb der Stadt, am Ende einer steilen gepflasterten Straße. Der Hauptzugang führte durch ein großes rostiges Doppeltor, für das ich einen Schlüssel besaß, schließlich machte ich von hier meine Frühsendung, die den hirnrissigen Namen »Frühstücksshow« hatte.

Normalerwiese hätte ich das Band erst am Folgetag mit ins Stadtstudio genommen, doch der nächste Tag war ein Sonnabend und da hatte ich keine Sendung. Und bis Montag wollte ich nicht warten. Hinzu kam, daß es wirklich kein Umweg war. Cuevas del Almanzora besaß zwei Restaurants, die diese Bezeichnung nicht verdienten, aber dafür gab es in beiden hübsche schwarzhaarige Kellner. Ich konnte also das Band zu Alvarez bringen und danach einen der Futtertempel aufsuchen. Immerhin war Freitag und da konnte sich viel entwickeln.

Doch es war anders gekommen. Gegen 21 Uhr hielt ich vor dem großen Doppeltor. Das Gebäude lag vollkommen im Dunkeln, nicht einmal die kleine Laterne über dem Eingang verbreitete ihr Dämmerlicht. Ich steckte meinen Schlüssel ins Schloß, doch das Tor war von innen verriegelt. Und genau in diesem Moment machte ich Mist. Statt mit dem Karton wieder abzufahren und ihn meiner verehrten Chefin zurückbringen, spürte ich eine eigenartige Kraft, die mich in das Gebäude hineinzog. An der linken Seite des Hauses befand sich eine etwa zwei Meter hohe weiße glatte Mauer, deren Krone mit einigen Dachziegeln verziert war. Die Situation erinnerte mich ans Strandbad bei mir zu Hause. Dort waren wir Schulboys sets über die Mauer geklettert, um den Eintritt zu sparen, schließlich hatte uns unser Pädo-Sportlehrer zu Kletteraffen trainiert. Ich nahm etwas Anlauf, sprang und krallte mich an den Dachziegeln fest. Sie hielten und ich konnte an der anderen Seite in den kleinen Hof springen. Unmittelbar hinter dem Tor stand eine schwarzer Limousine, ein Sedan, der Alvarez gehörte. Ich hatte mal einige Kollegen tratschen gehört, daß Alvarez gelegentlich am Wochende das Stadtstudio als Liebesnest benutzte. Es hieß er war verheiratet, hatte wohl auch Kinder, und diese sollten wohl von seinen Leidenschaften nichts erfahren. Er liebte, jedenfalls tuschelte Chefsekretärin Peggy darüber, feminine Boys. Offenbar zu diesem Zweck hatte Alvarez vor einem halben Jahr im Stadt-studio einen Raum als Schlafzimmer einrichten lassen. Doch wenn ich montags mal nachschaute wirkte der Raum, als sei er nicht benutzt worden.

Ich war jedenfalls entschlossen den Raum heute nicht zu inspizieren, sondern nur das Band irgendwo abzulegen.

Der Sedan versperrte den Hauseingang und ich mußte mich mühsam daran vorbeizwängen. Die Haustür war nicht abgeschlossen. Ich öffnete die Tür leise, vielleicht schlief Alvarez schon, oder tat im Dunkeln etwas wo ihn jeder Laut hätte stören können. Vorsichtig und leise stieg ich die steile Treppe hinauf und machte erst auf dem ersten Treppenabsatz Licht. Hier befand sich ein kleiner Tisch und ein Sitzplatz. Ein guter Ort, um das Tonband abzulegen. Nun, vielleicht sollte ich noch einen Zettel daneben legen, damit er das Band nicht übersah, dachte ich. Ich hatte zwar ein paar Notizzettel in meiner Hemdtasche, doch keinen Stift. Hier oben gab es nur zwei Türen. Eine führte in einen kleinen Lagerraum, die andere in den Regieraum des Studios. Dort gab es garantiert ein paar Kugelschreiber und Filzer.

Ich riß die Tür auf und blieb im nächsten Augenblick wie angewurzelt stehen. Im matten Licht sah ich eine kleine dickliche Gestalt auf dem Boden liegen. Der Kopf lag zur Seite gedreht, die Hornbrille war verrutscht. Um den Kopf hatte sich eine kleine Blutlache gebildet. Ich stieß die Gestalt mit der Schuhspitze an und sie rührte sich nicht. Mir war klar, dieser Mensch war tot. Ohne zu überlegen fischte ich meine Schachtel Fortuna aus den Jeans und steckte mir eine Zigarette an.



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