Auf der Suche nach Tobi

Romanerzählung von Ralf – G. Knuth

459 Seiten, Paperback

15,00 *

ISBN 978-3-00-031587-9

artonio edition postfach 502 13515 berlin



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Leseprobe

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.....

Verabredet


»Hallo, ist da jemand?«, rief eine Stimme, die so klang, als wären die Stimmbänder schon fleißig mit Bier und Korn geölt worden. Gleichzeitig wurde lang anhaltend geklingelt.

Ich wagte kaum zu Atmen, mein Herz pochte wie wild. Nein, das Zeug zum Einbrecher hatte ich nicht. In der Küche hockte ich mich auf den Fußboden, bemüht nur kein Geräusch zu machen.

Also das war ja wieder mal perfekt! Dabei hatte ich mir heute morgen alles so einfach ausgemalt. Heute morgen, das war jetzt wie eine andere Welt. Heute morgen war ich neben Roger aufgewacht, hatte ihm Frühstück gemacht und wir waren lachend zum Flughafen gefahren. Noch in der Ab-flughalle hatte er mir angeboten mitzukommen, doch ich hatte abgelehnt. Es konnte ja auch gar nichts schiefgehen. Ich hatte Tobi geschrieben und er hatte prompt geantwortet. Ich mußte in Paris nur in den Flieger steigen und nach Berlin fliegen. Dort wollte Tobi am Gate warten und mir dann meinen blaugrauen Hartschalenkoffer übergeben. Schon konnte ich damit wieder einchecken und sofort zurückfliegen. Das war der Plan, doch so war es nicht gelaufen.

Wieder ertönte die laute Klingel. Lieber Gott, hatten diese Typen denn nichts anderes zu tun! Jetzt redeten sie mit einer Frau. Immerhin konnten sie nicht reden und gleichzeitig klingeln.

»Haben see denn keen Schlüssel für die Wohnung?«

Na das fehlte noch! Hitze stieg in mir auf. Ich mußte mir schleunigst darüber klar werden, was ich sagen würde, wenn die Kerle wirklich hereinkämen.

Nachdem Tobi nicht, wie verabredet, am Flughafen war, hatte ich meinen Rückflug streichen lassen und war mit dem Bus nach Spandau gefahren.

Schon, als ich an der Haltestelle aus dem Bus kletterte, sah ich, daß in der Wohnung, wo Tobi mit seiner Tante wohnte, Licht brannte. Doch als ich wenig später klingelte, öffnete niemand. Immerhin gab die Haustür auf sanften Druck nach. Im schmalen Treppenhaus, mit seinem Specksteinbelag müffelte es nach Abfall und angebranntem Kasslerbraten. Rasch lief ich bis zum ersten Treppenabsatz und schaute kurz in den kleinen Hof. Dort standen vier extrem gefüllte Mülltonnen. Da. Ein Geräusch. Jemand kam die Treppe herunter. Von der Person sah ich nicht viel, ein heller großer Filzhut verdeckte das Gesicht. Als die Person mich sah schob sie ihre schwarze Tasche an den Bauch gepreßt vor sich her, um bequem an mir vorbeizukommen.

»Guten Tag«, grüßte ich artig und bekam darauf keine Antwort. Ich sah der Person noch kurz nach und lief dann in den dritten Stock hinauf. Tobi wohnte auf der rechten Seite. Die Wohnungstür war nur angelehnt. Ich schob sie weiter auf. Aus Tobis Zimmer fiel Licht in die Diele.

Gut, Tobi war erst im letzten Halbjahr mein Schulfreund geworden, doch wir hatten genug zusammen erlebt. Ich konnte auf Tobi zählen, sonst hätte ich ihm nicht meinen Koffer zur Aufbewahrung gelassen. Sicherlich war der Koffer noch auf dem Schrank in seinem Zimmer.

Langsam trat ich ein.

»Hallo!«, rief ich mit leiser Stimme. Ich kannte Tobis Tante nicht näher und wußte nicht wie sie reagieren würde.

Doch schnell stellte ich fest, daß niemand in der Wohnung war. Nun, vielleicht war die Tante in den Hof geggangen, wo die Mülltonnen standen, oder zu einer Nachbarin.

Reflexartig schloß ich die Wohnungstür und stapfte in Tobis Zimmer. Vor rund einem Jahr hatte ich Tobi meinen Koffer gebracht und er hatte ihn auf den Schrank in seinem Zimmer gelegt.

Doch auf dem Schrank stand jetzt eine große Mickymaus und ein künstlicher Blumentopf. Ich war sauer auf die trübe Tasse. Erst versprach er mir den Koffer zu bringen und jetzt durfte ich die Bude nach meinem Eigentum absuchen.

Schnell hatte ich mich in Tobis Zimmer umgesehen, schaute auch kurz in den Kleiderschrank. Doch mein Koffer war nicht hier. Ich untersuchte den altertümlichen Schrank in der Diele. Er enthielt einen alten elektrischen Bohnerbesen, eine Nähmaschine, einen unförmigen Staubsauger und zahlreiche Plastiktüten mit Briefen.

Im Wohnzimmer gab es nur eine Anrichte, ihre Fächer waren so klein, da hätte mein Koffer nicht hineingepasst. Und auf der Anrichte standen nur Töpfe mit künstlichen Blumen, die wirkten als hätte sie jemand auf dem Rummelplatz als Trophäe für seine Schießkünste erhalten.

Ich schaute in Küche, Kammer und Bad. Dann in das Zimmer was wohl Tobis Tante bewohnte. Die große helle Schrank-wand enthielt zwar viel, jedoch nicht meinen Koffer. Doch hier gab es noch einen Wandschrank. Ich wollte gerade Licht machen, als die Türklingel ertönte.

Meine erste Reaktion war zur Wohnungstür zu gehen, weil ich annahm dort könnte die Person stehen, welche die Wohnungs-tür offen gelassen hatte. Doch das war ja Unsinn. Diese mußte doch annehmen, daß niemand in der Wohnung war. Frage war, wer da wohl klingelte.

Auf der Treppe waren Schritte zu hören. Vorsichtig schob ich die Abdeckung des Türspions zur Seite. Zwei Polizisten kamen die Treppe rauf, blieben vor der Wohnungstür stehen und klingelten mehrmals lange und anhaltend.

Ich stand dicht hinter der Tür und wagte nicht zu atmen, oder mich gar zu bewegen. Zudem bekam ich vor Aufregung Herzschmerzen.

Einer der Beamten blickte direkt zum Türspion.

»Jib ma mal die Lampe«, forderte der Polizist mit der Jungmännerstimme. Im nächsten Moment wurde die Brief-klappe gehoben. Der Lichtkegel einer schwachen Stablampe beleuchtete den Fußboden der Diele.

»Hallo, ist da jemand?«, rief die andere Stimme.

»Also zu sehen ist nischt. Und an die Türe ist och keen Schaden. Vielleicht hat sich die Frau jeirrt.«

»Wird wohl so sein«, meinte die andere Stimme und leuchtete nochmals durch den Briefschlitz.

Leise schlich ich durch die Wohnung, hin zum Balkon. Von hier konnte ich die Straße perfekt beobachten. Gegenüber dem Haus stand ein VW-Polizeiwagen mit eingeschaltetem blauen Rundumlicht.

Ich hörte die Haustür zufallen, die beiden Männer die durch den Briefschlitz geschaut hatten, gingen gemächlich zu ihrem Dienstwagen zurück. Der dünnere, dem ich die Jungmänner-stimme zutraute, war der Beifahrer. Sein üppiger Kollege, die Stablampe in der Hand, zwängte sich hinter das Steuer und schaltete endlich das Blaulicht aus. Ruckartig fuhr der Polizeiwagen an und bog dann nach rechts und entschwand so aus meinem Blickfeld.

Ich holte tief Luft und nahm auf dem Sofa Platz. Nie mehr, das schwor ich mir, würde ich eine Wohnung betreten, deren Tür einsam offenstand.

Mein erster Reflex war, die Räumlichkeiten nun endlich zu verlassen, doch da erspähte ich auf dem Couchtisch einen Satz Briefkarten mit schwarzem Rand. Der Text kündete von der lieben fürgsorglichen Tante, der guten Schwester, welche plötzlich und unerwartet dahingeschieden und eine große Lücke im Leben hinterlassen hatte. Als Kleiner wollte ich eine zeitlang zu gern Bestatter werden, weil das so schön gruftig und feierlich war. Das ich dann doch lieber als Rundfunk-discjockey arbeitete, war einzig der Tatsache zu verdanken, daß stets nur die guten Menschen unsere Welt verließen. Egal wann ich die Seite mit den Todesanzeigen las, ständig starben gute Omas, Opas, liebevolle Väter, herzensgute Mütter, treue Lebenspartner, aufopferungsvolle Schwestern, oder Brüder die in stiller Demut eine Krankheit ertragen hatten und nun von dieser erlöst wurden. Wahrscheinlich wurden die habgierigen, launischen, fiesen, rücksichtslosen Omas, Väter, Schwestern, oder Onkel steinalt und starben dann so verarmt, daß es nicht mal für eine Todesanzeige reichte.

Neugierig las ich die Trauerkarte. Dort war von der lieben fürgsorglichen Tante Edeltraut Beer die Rede. Diese war vor zwei Wochen verstorben und sollte in vier Tagen auf dem städtischen Friedhof »In den Kisseln« beerdigt werden. Diese Nachricht verkündete, im Namen der Angehörigen, Tobias Beer. Also mein Schulfreund Tobi.

Für mich bedeutete diese Trauerkarte eine Art Freibrief mich in der Wohnung umzuschauen. Der Einzige der noch in dieser Wohnung leibhaftig erscheinen konnte war Tobi und der war ja selbst daran schuld, daß ich jetzt seine Wohnung auf den Kopf stellen mußte.

Während ich den halbleeren Kühlschrank betrachtete, mußte ich unwillkürlich an die offene Wohnungstür und den Polizeieinsatz denken. War vielleicht die Polizei gar nicht wegen mir, sondern wegen einer anderen Person gerufen worden? Einem Einbrecher, der geflüchtet und die Wohn-ungstür offengelassen hatte? Es konnte nicht anders sein, die Polizisten waren einfach zu schnell am Tatort. Doch was könnte ein Einbrecher in dieser Wohnung gesucht haben? Schlecht vorzustellen, daß Tobi inzwischen Reichtümer ange-häuft und unter dem Bett versteckt hatte. Nach allem was ich wußte, war Tobi immernoch als preiswerter Strichjunge zu erwerben. Ich bezweifelte sogar, daß Tobi im Monat genügend Geld zusammenbrachte die Miete für diese Wohnung zahlen zu können.

In der Diele stand ein Tischchen mit einem grauen Wählschei-bentelefon, daneben zwei dicke dunkelgelbe Telefonbücher und das Branchentelefonbuch.

Ich machte in der Diele Licht. Unter dem Begriff »Gaststätten« fand ich unter dem Buchstaben »T« den Namen von Tobis Stammkneipe. Der Laden hatte eine schöne einfache Telefon-nummer. Rasch hatte ich diese gewählt.

»Ja?«, meldete sich eine tiefe Männerstimme.

»Hier ist ... Schröder. Ich wüßte gern, ob Tobi da ist.«

»Wat für een Tobi?«

»Einer der jungen Boys, die sich verkaufen.«

»Wa sind keene Bar für Strichers.«

»Tobi hat nackenlange dunkle Haare, schmale Augenbrauen, dunkle Augen, schmales Gesicht, ist klein und schmächtig.«

»Den habe ick seit Wochen nicht mehr jesehen.«

»Seit wann denn?«

»Wenn du herkommst, kann ick mich für Schmalz vielleicht erinnern.«

Na das war mir ja ein Herzchen. Was mich erboste war nicht die Tatsache zu der Kneipe fahren zu müssen, sondern das Wort »vielleicht« in seinem Satz. Nun, dem Kerl konnte ich leicht auf Vordermann bringen.

»Ich dachte sie wären nicht so daran interessiert, daß bei ihnen die Polizei aufkreuzt.«

»Wat denn, wieso denn dit?« Er schien aus dem Häuschen.

Nun war ich in meinem Element und konnte fleißig drauflos flunkern:

»Es geht da um eine Geschlechtskrankheit. Er sollte sich bei uns melden, ist aber nicht erschienen, dabei soll er einen sehr ansteckenden Virus im Körper haben.«

Der Atem meines Gesprächspartners keuchte wie ein altes Dampfroß: »Und ist der Virus och übertragbar?«

»Ja«, nästelte ich wenn sie mit seinen Körperflüssigkeiten in Berührung gekommen sind.«

»Achso. Nee, jedenfalls globe ick nicht det ick dit bin.«

»Wo ist Tobi denn nun?«

»Also vor knapp zwee Wochen war er hier und da hat er noch mit een Stammjast gesprochen, weil der Versicherungsvertre-ter ist. Der Tobi hatte wohl een Trauerfall inne Familie.«

»Und danach?«

»War er nicht mehr da.«

»Fein, danke.«

»Aber wat is nun mit den Virus?«

»Keine Sorge, der zerfällt nach einer Woche zu Staub.«

Damit legte ich auf.

Während des Telefonats war mir eine Idee gekommen. Jetzt ging ich im Sturmschritt ins Wohnzimmer, suchte zielsicher die Fotoalben heraus. Wenn ich Tobi suchen mußte war es günstig ein Foto von ihm zu haben. Sicherlich besaß seine Tante welche von ihm.

Ich öffnete das erstbeste Fotoalbum und mein Unterkiefer klappte nach unten. Das Album enthielt ausschließlich schwarzweiß Fotos im Profiformat 18 mal 24. Die nackte Frau auf den Fotos kannte ich nur vom sehen – Tobis Tante Edeltraut. Doch den jungen Mann, der so allerlei mit und an der Frau trieb, kannte ich noch viel besser – Tobi.

Auf den Fotos machte ein vielleicht fünfzehnjähriger Tobi Sex mit seiner Tante, einer nicht häßlichen, aber ohne Frage schon reifen Frau. Kaum eine Sexspielart, die die beiden ausgelassen hatten. Der Hintergrund auf allen Fotos war schwarzes Tuch, sodaß man nicht sagen konnte, wo diese Aufnahmen gemacht waren. Tobis wichtigste Teilchen waren nicht besonders groß, doch fiel das auf den Fotos kaum auf.

In einem weiteren Fotoalbum fand ich Solo-Fotos von Tobi. Die sittsamste Aufnahme zeigte ihn nackt mit herangezogenen Beinen, verschränkten Armen und zum Betrachter gedrehten Kopf. Jemand hatte ihm volle Lippen geschminkt. Auch wenn man auf dem Foto einen Teil von Tobis Lümmelchen sehen konnte, entschied ich diese Aufnahme als »Fahndungsfoto« auszuborgen.

Hinten im Fotoalbum lagen lose drei Polaroidfotos. Sie zeigten Tobi mit einem Lendenschurz, der die Stiefel einer sonst nackten weiblichen Schönheit abschmatzte. Die vollbusige Domina hatte eine Peitsche in der Hand, die an eine Schlange erinnerte. Eigentum »WKF« Kantstraße 3 war auf die Rückseite gestempelt. An dem Ort befand sich eine beliebte Peepshow. Mir war allerdings neu, daß dort auch junge Männer den Drehteller bestiegen.

Ich nahm eines der Fotos an mich und steckte dann die Fotoalben zurück in den Schrank.

In der Diele schrieb ich eine kurze Nachricht, an Tobi. Für den Fall, daß er rasch wieder aufkreuzte.

»Tobi, ich hatte vergeblich auf dich gewartet. Was war denn passiert? Ich rufe nachher an. - Der Mann aus Paris.«

Wie ich es auch formulierte, der Text klang blöd, aber ich hielt es für klug erst einmal nichts von dem Koffer zu schreiben. Den Zettel legte ich zur Eingangstür, so als hätte ich ihn durch die Briefklappe geworfen. Tobi mußte ja nicht unbedingt erfahren, daß ich in seiner Wohnung war. Jetzt wollte ich mit meinen Fotos die Wohnung verlassen. Doch Moment! An dem Brettchen neben der Tür hingen allerlei Schlüssel. Einer davon war abgewetzt und hatte am Bart etwas Rost angesetzt. Den probierte ich so leise wie möglich an der Wohnungstür aus. Er paßte und ich entschied den Schlüssel mitzunehmen. Ich hatte höchstens 300 Franc und noch 30 Mark dabei, damit konnte ich in Berlin keine großen Sprünge machen. Tobi war, dadurch das er nicht am Flughafen war, Schuld an meiner Lage. Es war mein gutes Recht Dein Haus sei mein Haus zu beanspruchen.




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